Deutschland spaltet sich auf

Literatur braucht Skandale. Dass dies der Fall ist, zeigten in der jüngsten Vergangenheit beispielsweise Charlotte Roche oder Helene Hegemann, die mit jeder Menge  sex, drugs & rock n‘ roll nicht nur Tabu- sondern auch Auflagegrenzen sprengten. Einer, der diesen Zustand bereits vor der offiziellen Veröffentlichung seines Buches erreichte ist Thilo Sarazzin. Und man höre und staune, dies schaffte er nicht etwa durch die Beschreibung wilder Sexszenen und ausschweifender Drogenexzesse – auch wenn dies vielleicht besser für ihn gewesen wäre – nein er brachte es mit einem politischen Buch bis auf die Spitze der Bestsellerliste. Doch neben seiner Position als noch-Mitglied des Bundesbankvorstands, ist auch seine Tätigkeit als Buchautor im eigentlichen Sinne in den letzten zwei Wochen schlagartig in den Hintergrund gerückt – derzeitige Funktion: Buhmann und gefeierter Held in Einem. Denn nichts scheint die Bundesrepublik heute so sehr zu spalten wie Thilo Sarrazin und sein Buch „Deutschland schafft sich ab“. Für die einen ist es nur die pure Wahrheit die dort geschrieben steht, denn Sarrazin nennt damit das Kind beim Namen und spricht das aus, was viele denken. Für die anderen sind es nichts weiter als rassistische Äußerungen, Lügen und längst überwunden geglaubte Fremdenfeindlichkeiten, die den Nationalsozialisten nur allzu gut in den Kram passen. Besonders letzterer Aspekt ist dabei wohl leider nicht wirklich von der Hand zu weisen. Erst letzte Woche, als der neue Bundespräsident Wulff während seiner Antrittsrede im sächsischen Landtag über Ausländerintegration sprach, sprang die NPD-Fraktion auf, wedelte mit Plakaten und schrie: „Sarrazin, Sarrazin…“ – eine simple und doch aussagekräftige Parole.

Dabei ist es ja nicht so, als sage Sarrazin etwas Neues, als habe er eine völlig neue und unbekannte Debatte ins Leben gerufen, die nun für Furore sorgt. Es ist vielmehr so, dass die Art und Weise wie er gewisse Dinge zu thematisieren versucht, völlig über ihr Ziel hinausschießt, sodass bei einem derart heiklen Thema viel zu viel Interpretationsspielraum übrig bleibt. Und während die einen empört und wütend durch die Straßen ziehen, machen sich die anderen auf zum kollektiven Schulterklopfen. Und mittendrin: Thilo Sarrazin. Wie er sich momentan fühlen muss, mag man gar nicht erst vermuten. Hilflos, so scheint es, wirkte er jedenfalls bei Hart aber Fair, wo er erst letzte Woche zu Gast war, um sich den Wutausbrüchen von Friedmann & Co zu stellen. Wenn diese Sendung eins zeigte, dann das Sarrazin vielleicht ein guter Provokateur, aber ein ebenso schlechter Rhetoriker ist. Mit Leibeskräften versuchte er, sich mit Erklärungen aus dem Schlamassel zu befreien, sodass er einem fast schon leidtun konnte. Aber nur fast. Hätte er doch lieber über Sex und Drogen geschrieben…

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Eine Antwort zu „Deutschland spaltet sich auf“

  1. Buuusch sagt:

    Sehr schön, Herr Szaryzin, back in business.

    Sarrazin, nicht mehr Vorstand der Bundesbank, hat sich tief in die Scheiße geritten. Aber, ähnlich wie bei Hegemann und der Internet- und Copyright-Debatte, hat in Politik und Presse etwas losgetreten, dass sein Buch nahezu rechtfertigt. So fraglich seine Thesen auch sein mögen, so sinnvoll sind die darauffolgenden Diskussionen. Heiligt der Zweck die Mittel auch in diesem Fall?

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